Sie ist zweifache Mutter und Leiterin der mittlerweile international bekannten Hacker School, die jungen Menschen mit zahlreichen Kursen und Formaten die Freude am Programmieren und den Umgang mit den digitalen Möglichkeiten vermitteln soll – etwas, das bis zum heutigen Tage ein Mangelangebot in der deutschen Schullandschaft ist.
"Wenn wir dieses Feuer der Leidenschaft für die IT-Welt deutschlandweit bei vielen Schülern und Schülerinnen entfachen und die Hemmschwellen abbauen können, dann sind wir schon einen guten Schritt weiter", sagt Julia Freudenberg, wohlwissend, dass die dort verwendete Hardware meist nicht up to date ist und selbst in sogenannten Entwicklungsländern die dafür benötigten Bandbreiten oftmals höher sind als in Deutschland.
Wir haben die Keynote Speakerin der CloudLand 2023 zum Interview gebeten, über ihre Motivation mit ihr gesprochen, gefragt, wie sie zur Hacker School gekommen ist und natürlich auch ChatGPT nicht außen vor gelassen.
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Der Sommer ist in Deutschland ausgebrochen, Temperaturen um die 30 Grad erfreuen die Nation. Und am 20. Juni startet die CloudLand 2023, das Cloud Native Festival im Phantasialand (Brühl). Mit welcher Stimmung reist du an?
Ich bin immer in guter Stimmung ;-) Besonders, wenn es zu einem innovativen Event wie der CloudLand geht. Ich freue mich auf viele interessante Gespräche und Einblicke in die Welt der Cloud Natives. Angesprochen hat mich Stefan Latuski, der CEO des IT-Systemhauses der Bundesagentur für Arbeit und Kollege von CloudLand-Programmorganisator André Sept.
Noch vor einigen Wochen hast du im Rahmen des deutschlandweiten Girls' Day, eines "Mädchen-Zukunftstags" für die berufliche Orientierung, jungen Menschen im Bundeswirtschaftsministerium für Wirtschaft und Klimaschutz (BMWK) sowohl einen Blick in die Räumlichkeiten ermöglicht als auch einen Schnupperkurs in Sachen Programmierung angeboten. Wie ist es gelaufen?
Das hat richtig Spaß gemacht. Ich bin zwar selbst keine ITlerin, habe aber inzwischen auch einige Erfahrungen mit dem Programmieren gesammelt. Und besonders Scratch ist keine Raketentechnik und schnell zu lernen. Ich habe das Kurskonzept zusammen mit meiner Tochter "durchgespielt" und dann auch viel Spaß gehabt, die Mädchen im Kurs dafür zu begeistern. Und darum geht es uns ja bei der Hacker School: Programmieren lernen mit Spaß und besonders bei den Mädchen die Hemmschwelle nehmen, weil sie feststellen: "Das ist nicht schwer, das kann ich auch und es ist richtig lustig und kreativ."
Ich war am Girls' Day sowohl beim Zukunftstag von Beiersdorf als auch bei iteratec vor Ort, wo wir am Nachmittag Mädchen und ihre Mütter gemeinsam eingeladen haben – das war der Hammer, hat richtig Spaß gemacht.
Wieso im BMWK? Auf welche "Generation Mädchen" bist du da getroffen?
Wir haben am Girls' Day deutschlandweit über 500 Mädchen erreicht, darunter auch eine Gruppe im BMWK. Ich kenne das Ministerium recht gut, da ich selber Teil des Beirats der Jungen Digitalen Wirtschaft bin. Das BMWK hat einen großartigen IT-Leiter, der richtig für digitale Bildung und Begeisterung brennt – wir haben uns riesig gefreut, dass wir auch dort einen Girls' Day-Kurs anbieten konnten. Das Feedback der Teilnehmenden war super.
Worum wird es in deiner Keynote am 21. Juni um 19 Uhr gehen? Sie heißt "Hack the world a better place!"...
Darum, dass wir die digitale Bildung in Deutschland nur gemeinschaftlich nach vorne bringen und wie wir das gemeinsam schaffen. Wir dürfen die Schulen bei diesem wichtigen Thema nicht alleine lassen. Die Hacker School agiert in Kooperation mit engagierten Unternehmen aus der Digitalbranche. Wir begeistern Jugendliche fürs Programmieren, vermitteln ihnen die nötigen Skills und wecken ihr Interesse für Zukunftsberufe. Und das direkt in den Schulklassen. Denn wir sehen, dass junge Menschen heute zwar oft digitale Technik gut anwenden können, aber kaum wissen, wie sie hier steuernd aktiv werden können.
Ist Hacking im 'Volksmund' nicht eher mit Illegalität als mit gesellschaftlicher Akzeptanz verbunden? Der Titel klingt wie eine Anleitung, mit den "falschen Methoden das Richtige" zu tun...
Ja, das Wort "Hacken" ist bei vielen Menschen leider immer noch mit etwas Bösem oder Kriminellem konnotiert. Aber das ist in weiten Teilen falsch! Ein Hack ist in der IT-Welt einfach die Lösung eines Problems oder die Umsetzung einer Idee mithilfe eines Codes.
Wir leben in einer digitalen Welt, die uns fast überall umgibt. Um zu verstehen, wie die Dinge funktionieren, müssen wir uns näher mit ihnen beschäftigen. Es sind ja nicht nur Handy und Tablet, die wir ständig in der Hand haben. Vom Lichtschalter an der Wand bis zur Sprachsoftware für die Musikauswahl – nahezu alles lässt sich heute mit kleinen Hacks programmieren. Warum nicht einfach mal selber machen und dabei Neues lernen. Wir haben bei uns zu Hause dank eines kleinen Hacks mit dem Mini-Computer micro:bit die Wasserversorgung über den Winter in unserem Hühnerstall sichergestellt. Damit das Wasser nicht einfriert: ab einer gewissen niedrigen Temperatur = Heizspirale an. Das ist Hacking!
Bitte erkläre uns das Konzept der Hacker School...
Long story short: Gemeinsam mit engagierten Unternehmen und ITler und ITlerinnen begeistern wir in Kursen die Jugend für das Programmieren und vermitteln ihr 21st Century Skills wie Kreativität, Kommunikation, Kollaboration und kritisches Denken sowie eine positive Fehlerkultur.
Das Organisationsteam der Hacker School besteht aktuell aus rund 40 festangestellten Mitarbeitenden in Voll- oder Teilzeit, die verschiedene Sub-Teams bilden: Geschäftsführung, Corporate & Inspirermanagement, Schulkooperationen & Kurskonzepte, Kommunikation und Administration. Wir sind eine gemeinnützige GmbH und finanzieren uns weitgehend aus Spenden und Stiftungsgeldern. Einen kleinen Teil unseres finanziellen Bedarfs decken wir auch über Kursgebühren, die aber sehr niedrig und eigentlich nur dafür da sind, Commitment zu schaffen. Für Schulen sind die Kurse übrigens grundsätzlich kostenfrei.
Aus welchem Antrieb heraus bist du auf die Idee gekommen, Kinder und Jugendliche für das Programmieren zu begeistern?
Ich werde von vielen gerne als die Gründerin der Hacker School bezeichnet, aber das bin ich nicht. Das waren drei erfolgreiche Medienunternehmer aus Hamburg, die schon 2014 erkannten, dass wir Probleme haben, geeigneten Nachwuchs für die IT-Branche zu finden. Da das Fach Informatik nach wie vor als Pflichtfach auf dem Lehrplan von Hamburger Schulen fehlte, beschlossen sie: Dann begeistern wir eben die Jugend für das Programmieren und fangen an, Kurse zu geben. Die Geburtsstunde der Hacker School.
Ich habe nun seit 2017 das Vergnügen, diese zu leiten. In Kontakt gekommen bin ich im Rahmen meiner Promotion zum Thema "Vocational Integration of Refugees – Chances and Challenges of Refugee (Social) Entrepreneurship", weil die Hacker School, damals noch ein Verein, ein Projekt hatte, dass Geflüchtete mit IT-Skills in Kontakt mit IT-Unternehmen bringen sollte. Dieses PLUS-Projekt habe ich dann geleitet, habe aber Schritt für Schritt mehr Verantwortung übernommen. Kinder und Jugendliche für die Möglichkeiten der digitalen Welt zu begeistern und das Leuchten in den Augen zu sehen, wenn sie am Ende eines Kurses ihr eigenes Projekt programmiert haben, ist die beste Motivation überhaupt.
Wo steht deiner Meinung nach die digitale Bildung im Deutschland des Jahres 2023? Die Achtjährigen laufen bereits mit einem iPhone 11+ in die Grundschule, die Medienzeiten auf den Endgeräten der Kids erreichen täglich zwei bis acht Stunden und jetzt 'sollen' sie sich auch noch für das Programmieren begeistern…
Ich plädiere sicher nicht dafür, dass die Kinder 24/7 am Computer sitzen sollen. Ich habe selbst zwei Kinder – darüber müssen wir also nicht diskutieren. Wichtig ist aber, dass wir ihren Blickwinkel ändern und dafür begeistern, selbst kreativ zu werden, statt sich nur unterhalten zu lassen. Wir wollen sie mit der Hacker School weg vom reinen Anwenden von diversen Apps und Tools hin zum Gestalten dieser Anwendungen begleiten. Und das wäre doch ein wunderbares Ergebnis, wenn ein Kind die erste Hälfte seiner Medienzeit sein eigenes Spiel programmiert und es die zweite Hälfte dann spielen kann.
Am IT-Nachwuchs scheint es hierzulande offensichtlich zu hapern. Der Fachkräftemangel in dieser Branche wird sechsstellig beziffert. Wie kann es sein, dass in einem Hochtechnologieland wie Deutschland genau die Menschen fehlen, mit denen man die digitalisierte Zukunft gestalten will? Das ist so, als ob man Auto fahren möchte, aber keine Räder besitzt: Man kommt nicht von der Stelle.
Das beschreibt sehr gut unsere aktuellen Herausforderungen. Wir schaffen es über unser Bildungssystem derzeit nicht, für Zukunftskompetenzen zu begeistern – hier haben wir viele Baustellen. Wir haben ein Schulsystem, was sich insbesondere durch Konstanz auszeichnet, was der Digitalisierung nicht wirklich zuträglich ist. Zudem sind wir in vielen Bereichen noch sehr im Silodenken verhaftet. Ich plädiere dafür, die Schulen insbesondere für Initiativen wie die Hacker School zu öffnen, dass wir hier Brücken bauen können, um das wirkliche Leben etwas näher an die Schulen zu bringen. Ich meine, dass wir uns mit vielen bürokratischen Prozessen oft selbst im Weg stehen und es einfach zu lange dauert, hier effizient im Sinne der Kinder zu handeln. Wir merken, dass der Wunsch nach Zukunftsskills oft echt hoch ist – und zu sehen, wie begeistert Kids die Impulse aufgreifen, macht schon Hoffnung.
Was müsste sich in den Strukturen der Bildungslandschaft ändern, um dieses Land kompetent durch die digitale Transformation zu führen und "fit for the future" zu sein? Wo müsste man ansetzen?
Genau dort, wo wir es bereits tun: Mit einem Angebot für Schulen. Mit unserem Format Hacker School @yourschool gehen wir online in die Schulklassen und zeigen den Jugendlichen: Programmieren ist keine Raketentechnik, das könnt ihr auch. Zumindest solltet ihr es mal ausprobieren. Besonders für die Mädchen ist die Teilnahme an einem Kurs oft ein echtes Schlüsselerlebnis. Am Anfang hören wir noch öfter: Ach, das ist langweilig, das interessiert mich nicht, das kann ich eh nicht. Und am Ende stellen die Mädels fest: Das macht ja richtig Spaß, ich würde gerne noch weitermachen und das ist ja gar nicht so schwer. Wenn wir dieses Feuer der Leidenschaft für die IT-Welt deutschlandweit bei vielen Schülern und Schülerinnen entfachen und die Hemmschwellen abbauen können, dann sind wir schon einen guten Schritt weiter. Zusätzlich hilft es uns und den Schulen natürlich erheblich, wenn die Ausstattung mit vernünftiger Hardware und stabiles WLAN überall gewährleistet sind.
Welche Rolle spielen hier postpandemische Erkenntnisse, Migration, Ukraine-Krieg, Inflation und Klimawandel?
Die verschiedenen Punkte machen die Arbeit im Bildungsbereich natürlich nicht leichter. Aber auf der anderen Seite ist unser Angebot Hacker School @yourschool, mit dem wir online in die Schulen gehen, durch die Pandemiezeit sehr viel früher entstanden und groß geworden, als wir das ursprünglich geplant hatten. Und auf die Geflüchteten aus der Ukraine reagieren wir mit speziellen Kursangeboten für ukrainische Kinder.
Auf der anderen Seite erschöpft es auch einfach sehr. Für uns als kleine Nonprofits ist es echt hart, Inflationsausgleich "aus dem Nichts" zu nehmen, zu sehen, dass auch durch den Krieg die IT-Fachkräfte noch knapper werden und dass insgesamt das Fell dünn wird… Das geht auch an uns nicht vorbei.
Umso cooler ist es zu sehen, dass eben doch was geht und wir tolle Unterstützer und Unterstützerinnen haben, die sich gemeinsam mit uns einfach nicht unterkriegen lassen.
Wie bereitest du deine Kinder auf ein Leben mit IT in einer digitalisierten Welt vor?
Da der Vater meiner Kinder selbst ITler und begeistert von den Möglichkeiten der digitalisierten Welt ist, stellt sich die Frage der Vorbereitung unserer Kinder hier nicht. Wir leben da längst mittendrin. Und durch die Hacker School ist das Thema der digitalen Bildung eh omnipräsent.
Wir achten auf begleitete Medienerziehung – es geht nicht um Verbote, ich halte nichts davon, das Handy als Strafmaßnahme einzuziehen. Vielmehr erlebe ich, dass es meinem Sohn sehr gut getan hat, dass er, so gut wir es konnten, auf sein erstes Smartphone vorbereitet wurde. Er hat vorab selber sehr viel recherchieren müssen, eine Pro- und Kontraliste erstellt, sich mit Social Media auseinandergesetzt und wir haben einen Handynutzungsvertrag – auf den kann man super referenzieren.
Ich möchte hier insbesondere auf das Buch von Silke Müller ("Wir verlieren unsere Kinder") verweisen: Eltern müssen sich in die Medienwelten der Kinder involvieren, wir können sie dort nicht allein lassen – und das versuchen wir so gut wie möglich zu leben.
Abschließend natürlich noch die Frage, die alle aktuell umtreibt: ChatGPT und Co., also Künstliche Intelligenz… Fluch oder Segen?
KI ist zum einen ein Segen, weil sie uns ein neues Werkzeug gibt, aber sie ist auch ein Fluch, wenn Menschen aus Angst vor dem Unbekannten die Nutzung verweigern. Oft erscheint mir die Reaktion ein bisschen wie "wasch mich, aber mach mich nicht nass": Es soll alles einfacher werden, aber es soll auch krampfhaft jeder Arbeitsplatz so erhalten bleiben, wie er gerade ist. Das macht keinen Sinn. KI ist in weiten Teilen reine Mathematik und Wahrscheinlichkeitsrechnung. Es ist keine ominöse Intelligenz, sondern ein Algorithmus. Letztlich ist sie das, was wir daraus machen. Das Schöne an z.B. ChatGPT ist, dass das Thema damit so richtig auf den Tisch gekommen ist und jeder die Möglichkeit hat, sich damit zu beschäftigen, es sich genauer anzuschauen und auch kritisch zu hinterfragen.
Die Künstliche Intelligenz (KI) wird unser Leben nachhaltig verändern, und das wahrscheinlich schneller, als wir alle ahnen. Ob sich unser Leben zum Guten oder Schlechten verändert, können wir mitbestimmen. Indem wir uns damit befassen, lernen und die KI für das Nutzen, was sinnvoll ist.
Herzlichen Dank für das Interview.
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Dr. Julia Freudenberg hält ihre Keynote auf der CloudLand 2023 am Mittwoch, den 21. Juni um 19 Uhr. Karten für das Cloud Native Festival im Phantasialand (Brühl) können noch im CloudLand Shop erworben werden.


