Du bist der "Kopf des vom BMWK geförderten Sovereign Cloud Stack (SCS) Projekts" können wir in den Ankündigungen deiner Keynote lesen. Was ist das SCS, warum wird es vom Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz gefördert und was haben wir – die Gesellschaft – davon?
Immer größere Teile unseres Lebens – unseres privaten Lebens und unserer Arbeit in Unternehmen – werden durch Informationstechnologie geprägt. Wollen wir wirtschaftlich erfolgreich sein und die Möglichkeit haben, die Regeln für unser virtuelles Handeln und Wirtschaften zu gestalten, brauchen wir Kompetenz und Kontrolle über alle Ebenen der IT-Plattformen.
Derzeit stehen wir da in Europa nicht gut da. Zum Beispiel dominieren wenige große Plattformen aus fremden Rechtsräumen den Markt der Cloud-Plattformen. Das SCS-Projekt möchte einen Beitrag dazu leisten, das Alternativen dazu entstehen und erfolgreich wachsen können. Damit will SCS nachvollziehen, was im Betriebssystemmarkt vor einigen Jahren geschehen ist: Open Source Plattformen haben die Dominanz proprietärer Plattformen zurückdrängen können und Nutzer und Gerätehersteller finden meistens einen funktionierenden Markt mit einer Vielzahl von proprietären und offenen Optionen vor. Durch die Vernetzung von Betreibern auf Basis von Open Source und Open-Operations-Prinzipien wird der Markteintritt und der Markterfolg von Cloud-Betreibern erleichtert – somit soll ein funktionierender Markt auch im Cloud-Bereich wiederhergestellt werden.
Für die Wirtschaft in Europa ein klarer Vorteil: Ein funktionierender Markt mit vielen diversen Angeboten für einen wichtigen Teil der Wertschöpfungskette vermeidet zu starke Abhängigkeiten und somit auch eine zu große Marktmacht der Cloud-Anbieter. Sicherlich ist es auch wünschenswert, wenn in dem Dank der Zusammenarbeit im Rahmen von SCS hoffentlich besser funktionierenden Markt möglichst viele europäische Anbieter in diesem Bereich eigene Wertschöpfung betreiben. Dies hat offenbar auch das BMWK überzeugt.
Eher politisch gedacht: Wenn wir einerseits die Vorteile von hochautomatisierten modernen Plattformen nutzen wollen, dafür aber komplett von wenigen großen Anbietern aus anderen Rechtsräumen abhängig sind, haben wir kaum Chancen, diese nach unseren Vorstellungen zu gestalten und unsere Werte und Freiheitsrechte zum Beispiel in Form von Datenschutz (= informationeller Selbstbestimmung) durchzusetzen.
Wie bist du zur Leitung dieses Projektes gekommen?
Die Ideen zu diesem Projekt haben sich über Jahre hinweg in den Köpfen einiger Open Source Leader gebildet. Im Oktober 2019 kamen Peter Ganten (Vorsitzender OSB Alliance), Rafael Laguna de la Vera (Gründungsdirektor SPRIN-D), Oliver Mauss (damals CEO PlusServer), Stephan Ilaender (CTO PlusServer), Jens-Gero Böhm (damals SUSE) und ich in Köln zusammen, um über die Beteiligung von Open-Source-Initiativen an Gaia-X zu diskutieren. Die Ideen kamen zusammen und heraus kam ein Vorschlag an das BMWi, Gaia-X um eine Open-Source-Technologie für die Infrastrukturebene zu ergänzen. Wir wurden mit offenen Armen aufgenommen und haben schlussendlich den Weg ins Gaia-X Projekt gefunden.
Ich hatte nach meinem Ausstieg bei SUSE die Möglichkeit, mich mit viel Energie diesem Projekt zu widmen. Dank einem Untersuchungsauftrag von der Agentur für Sprunginnovationen musste ich auch nicht versuchen, mich mit vielen anderen Projekten nebenbei zu finanzieren. Am Ende wurde von Christian Berendt (OSISM GmbH), Dirk Loßack (dilossacon GmbH) und mir (KGarloff IT Consulting) mit Unterstützung durch die obengenannten Ideengeber das Projekt weiterentwickelt, eine erste Version der Architektur für die Technologie entworfen, eine Community darum aufgebaut und eine Vorhabenbeschreibung zur Förderung geschrieben und am Ende zur Förderung eingereicht. Nachdem Christian sein Unternehmen weiter aufbauen wollte, war ich der Kopf für das Förderprojekt welches unabhängig von Unternehmensinteressen das ganze Gebilde neutral steuert.
Wie sieht deine Arbeit dort konkret aus? Was sind so "dailies"? Was sind die Meilensteine?
Neben interner Abstimmung und Organisationsfragen (Berichte, Vergaben, usw.) sind es vor allem zweierlei Aktivitäten, die meinen Alltag prägen:
1 . Die Zusammenarbeit mit der Entwicklungscommunity. Ich nehme als Chief Product Owner an den Sprint-Reviews und -Planungen der einzelnen Teams meistens teil und es macht mir großen Spaß. Für das Container-Team haben wir noch keinen Product Owner – da springe ich auch ein. Damit diese Termine effizient sind, müssen sie gut vorbereitet werden.
2. Der Erfolg des Projekts hängt davon ab, dass wir genug Unternehmen finden, die das attraktiv finden und mitmachen wollen und sich dann auch aktiv einbringen. Daher renne ich rum und erkläre unser Projekt und überzeuge Menschen von der Sinnhaftigkeit des Projekts und warum es ihnen nutzt. Menschen von einzelnen Entwickler:inne:n bis zu Unternehmensleiter:inne:n.
Die ganze Welt verlagert ihre Geschäftsmodelle in die Cloud und so steht der erste Thementag der CloudLand inklusive deiner Keynote unter dem Motto "Cloud- & Container-Technologien". Der Cloud liegt eine jahrzehntelange Entwicklung zugrunde, eine globale Infrastruktur aus Netzwerken, informationstechnologischen Sprüngen, Server und Satelliten. Aber ohne Strom geht nichts. Werden wir durch die voranschreitende Digitalisierung nicht auch zunehmend verletzlicher?
Gegen einen großflächigen Stromausfall sind wir als Gesellschaft nach meiner Einschätzung nicht gut gerüstet. Das waren wir schon vor der Digitalisierung nicht: Wasser, Heizung, Tankstellen u.v.a.m. funktionieren ohne Strom nicht ohne weiteres. Aber ja: Durch die Digitalisierung werden wir noch abhängiger von zuverlässiger Stromversorgung. Die Abhängigkeit erscheint mir unvermeidbar.
Meine eine Hoffnung wäre, dass im Zuge der Energiewende neben dezentraler Energieerzeugung auch dezentrale Stromspeicher entstehen und somit großflächige Ausfälle unwahrscheinlicher machen. Daneben müssen wir dann dezentrale IT-Kapazitäten aufbauen – zum Beispiel viele föderierte SCS-Anbieter – damit auch die IT dann mit den kleineren Ausfällen wenig Probleme hat.
Die postpandemische, aktuelle Lage hätte die Welt und besonders Europa für einen relativ unbeschwerten Sommer aufatmen lassen können, doch mit dem Krieg in der Ukraine ist offensichtlich, dass die großen Krisen der jüngeren Zeit noch nicht zu Ende sind. Was denkst du über die momentane Situation?
Nach der Wende hielten wir die demokratischen Systeme für so überlegen, dass wir uns unverwundbar fühlten. Wir waren gefühlt nicht mehr im Wettstreit mit den autokratischen Systemen, wir hatten gewonnen. So haben wir das Gemeinwesen vernachlässigt, uns auf kurzfristiges Gewinnstreben konzentriert und dringend erforderliche Investitionen in die Zukunft vernachlässigt. Jetzt stellen wir erschreckt fest, dass unsere Institutionen für die Krisen nicht gut aufgestellt sind. Der Bundeswehr fehlt funktionierende Ausrüstung. Das RKI scannt die Faxberichte von Gesundheitsämtern. Die jetzt dringend benötigten Produktionskapazitäten für Solarzellen haben wir vor zehn Jahren kaputt gehen lassen. Wir haben Windräder verhindert, weil uns am Schutz einzelner Vögel abgearbeitet haben statt für Ausgleichsflächen zu sorgen, um damit die Art wirksam zu schützen. Die Probleme sind so groß, dass wir zumindest langsam aufwachen.
Wir brauchen nun Leader, die den Mut haben, der Bevölkerung die Zumutungen zu erklären, die notwendig sind, um hier die versäumten Jahre wieder aufzuholen. Sie müssen es gut erklären – wir erleben ja leider, dass die demokratischen Systeme und die demokratischen Parteien zunehmend unter Druck von autoritären und ja sogar offen Hass schürenden Kräften geraten. Dieser Systemwettbewerb muss gewonnen werden und das steigt und fällt mit der Existenz von mutigen, klugen und überzeugten Leadern, die sich einsetzen. Zumindest einzelne Minister:innen der aktuellen Regierung geben da ja Grund zur Hoffnung – und sicher auch einige der Unternehmenslenker können da Gutes bewirken.
Du bist auf der CloudLand 2022 dabei, weil...
...mein Projekt davon lebt, dass Individuen und Unternehmen mitmachen und ich hier die Chance habe, eine weitere Gruppe von Menschen zu erreichen.
Die CloudLand ist als Festival mit einem großen Rahmenprogramm von der Deutschsprachigen Cloud Native Community konzipiert und organisiert worden. Was interessiert dich auf dem viertägigen Event?
Ehrlich: Ich schaue mir das Programm ein paar Tage bevor es anfängt noch einmal genauer an. Die DevOps und CI/CD Sachen sind immer spannend, natürlich auch die Cloud- und Containertechnologien am ersten Tag, das ist ja mein Gebiet. Ich glaube, dass viele interessante Leute dabei sind – und ein paar spannende Diskussionen zwischen den Vorträgen ist für mich immer das Entscheidende auf einer Konferenz.
Vier Tage, vier Themen
Mit den Themenschwerpunkten "Container- & Cloud-Technologien" am Tag 1, "Microservices & Domain-driven Design" am Tag 2, "DevOps & Methodik" am Tag 3 und "CI/CD & Automatisierung" an Tag 4 schafft die CloudLand 2022 locker den Blick vom Status-quo auf die zukünftigen Herausforderungen im Umgang mit der Cloud-Technologie zu richten. Heise Medien ist Event-Partner des viertägigen Festivals im Phantasialand bei Brühl und auch an der Durchführung vor Ort aktiv eingebunden. Tickets für die CloudLand 2022 gibt es hier, das gesamte Line-up mit über 120 Sessions und einem außergewöhnlichen Rahmenprogramm gibt es hier. Der Hashtag für die CloudLand lautet #cloudland2022. Über das Twitter-Profil der CloudLand-Community verpasst ihr keine News mehr.

